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Mar 15, 2000

video: "checkpoints und mehr"

2010-03-15
[en] [عر] [es] [it] [fr]
das flüchtlingslager nahr al-bared hat sich bis heute nicht vom verheerenden krieg 2007 erholt. die libanesische armee hält das camp und die 20.000 zurückgekehrten palästinenserInnen nach wie vor fest im griff. die militärische belagerung behindert den wirtschaftlichen wiederaufbau nahr al-bareds stark, da der zugang enorm restriktiv ist und das gebiet zur militärzone erklärt wurde. nach einer kürzlich erschienenen studie werden die präsenz und maßnahmen der armee von 98 prozent der palästinensischen geschäftsbesitzerInnen als problem bezeichnet. das militär begründet seine präsenz derweil mit der garantie der sicherheit der flüchtlinge.

dieser 30-minütige film dokumentiert die konsequenzen der belagerung nahr al-bareds. händlerInnen und handwerker erklären ihre spezifischen probleme und der zuständige UNRWA-projektmanager, eine projektkoordinatorin der palästinensisch-arabischen frauenliga, der präsident des lokalen händlerkomitees und ein wissenschaftler schildern ihre perspektiven und gedanken zum thema.

der kurzdoku kann hier heruntergeladen und hier (teil 1/2/3) auf youtube angeschaut werden.

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Mar 12, 2000

bericht: "Unerfüllte Versprechen in Nahr al-Bared"

2010-03-12
[en]
Nachdem das palästinensische Flüchtlingslager Nahr al-Bared in einem Krieg 2007 völlig zerstört wurde, versprach die libanesische Regierung den 30.000 Flüchtlingen einen schnellen Wiederaufbau und die Rückkehr ins Camp. Zweieinhalb Jahre danach hat sie noch immer nicht Wort gehalten und das Flüchtlingslager ist nach wie vor im Griff der libanesischen Armee.

„Nahr al-Bared wurde nicht zerstört, um wieder aufgebaut zu werden. Es wurde zerstört und das war's. Ich will auswandern!“ Das sind die Worte von Marwan Hamed, einem 30-jährigen Palästinenser, der gegenwärtig in einer 18 Quadratmeter großen Baracke, einem sogenannten temporary shelter am Rande des Flüchtlingslagers Nahr al-Bared im Nordlibanon wohnt. Nachdem er im Mai 2007 in eine Schule im nahen Beddawi Camp geflohen war, kehrte er im Frühjahr 2008 nach Nahr al-Bared zurück. Nach knapp zwei Jahren hat Hamed die Hoffnung verloren, dass das Camp wieder aufgebaut wird, seine Lebensbedingungen sich verbessern und er einen Job findet.

Im Mai 2007 brach in Nahr al-Bared eine 15-wöchige Schlacht zwischen der nicht-palästinensischen militanten Gruppe Fatah al-Islam und der libanesischen Armee (LAF) aus. Die Kämpfe kosteten 54 ZivilistInnen sowie rund 400 Soldaten und Militanten das Leben. Das Flüchtlingslager wurde komplett zerstört und als es unter ausschließlicher Kontrolle der LAF war, wurden Häuser niedergebrannt, in die Luft gesprengt und systematisch geplündert.

Bereits während des Kriegs machte der frühere libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora den Flüchtlingen drei Versprechen: „Euer Exil wird temporär, eure Rückkehr definitiv und der Wiederaufbau Nahr al-Bareds sicher sein.“ Die Bereitschaft der Regierung, Nahr al-Bared wiederaufzubauen ist angesichts der konfliktreichen Vergangenheit der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon bemerkenswert. Flüchtlingslager wie Tell az-Zataar oder Jisr al-Basha, im Bürgerkrieg zerstört, wurden nie wieder aufgebaut und die Ablehnung der permanenten Ansiedlung der palästinensischen Flüchtlinge im Land bleibt nach wie vor einer der wenigen Konsense in Libanons politischer Arena.

Nachdem die Regierung im Februar 2008 gemeinsam mit der UNO-Agentur für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) und der grassroots-Kommission für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds (NBRC) einen Masterplan für den Wiederaufbau präsentierte, wurde im Juni desselben Jahres in Wien eine Geberkonferenz abgehalten. In einem Dokument skizziert die libanesische Regierung ihre Strategie und betont, das Flüchtlingslager werde „nicht zu seinem vorherigen sozialen und politischen Status zurückkehren, welche seine Übernahme durch Terroristen begünstigte.“

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versicherte Ministerpräsident Siniora, das einst wieder aufgebaute Camp werde langfristig unter Kontrolle des libanesischen Staats und seiner Sicherheitskräfte kommen und zu einem 'Modell-Camp' für die anderen elf palästinensischen Flüchtlingslager im Land werden. In der Barackensiedlung Nahr al-Bareds ist derweil Zynismus und Frustration greifbar. Marwan Hamed etwa fragt zornig: „Nahr al-Bared soll ein Modell werden? Ein Modell für was denn? Für Arbeitslosigkeit, Depression und Verweigerung?“

Etwa zwei Drittel der EinwohnerInnen des Flüchtlingslagers lebten einst im Kern Nahr al-Bareds, der total zerstört wurde. Nach der Räumung des größten Teils des Schutts wurde im Frühling 2009 der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt. Dieser begann effektiv aber erst im November, da im Sommer ein Moratorium des libanesischen Staatsrats alle Arbeiten blockierte. Damals, als politische Machtspiele die Bildung der neuen Regierung verzögerten, missbrauchte der Chef der „Freien Patriotischen Bewegung“, Michel Aoun, den Fund antiker Ruinen unter Nahr al-Bareds Schutt und reichte Einsprache ein. Der Wiederaufbau verspätete sich zudem wegen den unzähligen Blindgängern und aus weiteren Gründen.

Charlie Higgins, Projektmanager für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds der UNO-Agentur für Palästina-Flüchtlinge warnt: „Wir haben gerade die Startlinie überquert und es dauerte lange, um überhaupt zur Startlinie zu gelangen.“ In den improvisierten Büros der NBRC tönt es ebenso vorsichtig. Abu Ali Mawed, ein Mitglied der Kommission, sagt die Leute seien alles andere als optimistisch. „Es gab zu viele unerfüllte Versprechen und der Prozess kommt kaum voran.“ Mawed ergänzt, optimistische Gefühle kämen ihm erst hoch, wenn er die ersten Menschen in ihren neuen Häusern wohnen sehe.

In der streng bewachten Operationsbasis der UNRWA in Tripoli sagt Projektleiter Higgins, nicht das Lösen technischer Probleme sei das Schwierigste, sondern die Bewältigung administrativer, rechtlicher und politischer Hürden. „Der Wiederaufbau Nahr al-Bareds ist hierzulande keineswegs ein von allen akzeptiertes Unterfangen. Es gibt Leute, die das Projekt ablehnen,“ sagt er und warnt vor weiteren Komplikationen in der Zukunft.

Eines der anstehenden Probleme ist finanzieller Art. Der UNRWA ist es bislang bloß gelungen, einen Drittel der für den Wiederaufbau benötigten 328 Mio. Dollar einzutreiben. „Dies überrascht uns nicht und hält uns auch nicht davon ab voranzuschreiten,“ sagt Charlie Higgins. Er ist optimistisch, dass der UNRWA mehr Geld zufließen werde, sobald die Sponsoren die ersten Häuser stehen sehen.

Für Amr Saededine, einen unabhängigen Journalisten der die Entwicklungen in Nahr al-Bared verfolgt, stellt die Armee das Hauptproblem dar. „Die Regierung erlaubte dem Militär sogar in den Planungsprozess einzugreifen.“ Er fühlt sich an das 19. Jahrhundert erinnert, als der französische Baron Haussmann auf Anweisung von Napoleon III den Umbau Paris' entwarf: Die LAF betrachten Nahr al-Bared bloss aus dem Blickwinkel der Sicherheit. Saededine sagt, die LAF hätten erfolglos versucht, den Bau von Balkonen zu verbieten, doch – wie Israel es im Flüchtlingslager tat – darauf insistiert, dass die Straßen breit genug würden, damit sich Panzer problemlos bewegen könnten. Der Journalist beschuldigt die involvierten zivilen Stellen auf der libanesischen Seite sich hinter den LAF zu verstecken. „All diese Planer und Architekten müssen alles von der Armee absegnen lassen. Aber es geht hier doch um ein ziviles Gebiet und um nichts anderes!“

Die LAF haben Nahr al-Bared zur Militärzone erklärt. Die Armee hat den planierten Kern des Flüchtlingslagers abgeschottet und kontrolliert und beschränkt den Zugang in das umliegende Gebiet, wo sich mittlerweile 20.000 Flüchtlinge temporär aufhalten. Ohne Spezialbewilligungen des Armeegeheimdienstes ist es nicht möglich, Nahr al-Bared zu betreten. Journalisten bleibt der Zugang entweder verwehrt oder sie werden auch Schritt und Tritt von Soldaten begleitet - welche selbst während Interviews den Raum nicht verlassen.

Die Trennung Nahr al-Bareds von den umliegenden libanesischen Dörfern beeinträchtigt nicht nur die interkommunalen Beziehungen negativ, sondern behindert auch die wirtschaftliche Erholung des Flüchtlingslagers. LibanesInnen bildeten vor dem Krieg etwa die Hälfte der Kundschaft. Sie profitierten von den tiefen Preisen und der Möglichkeit, bei den palästinensischen HändlerInnen Schulden zu machen. Seit Herbst 2007, als die ersten Flüchtlinge ins Camp zurückkehren durften, haben viele Kleinbetriebe eröffnet. Diese oberflächlich positive Erscheinung täuscht allerdings.

In Jar al-Qamr, einem Quartier am südlichen Endes des Camps, beschwert sich eine ältere Frau, die einen kleinen Lebensmittelladen betreibt. „Am Anfang war ich alleine. Jetzt haben in dieser Straße mehrere Läden eröffnet und ich verkaufe viel weniger.“ Ähnliche Klagen können überall in Nahr al-Bared gehört werden, da es Lebensmittelläden, Straßencafés, Bäckereien und Sandwich-Restaurants im Überfluss gibt. Die palästinensisch-arabische Frauenliga (PAWL) unterstützt HändlerInnen mit Sachleistungen. Sahar Itani, die Projektkoordinatorin, weist darauf hin, dass der Markt mittlerweile gesättigt und die Kundenbasis auf jene beschränkt sei, die innerhalb des eingezäunten Flüchtlingslagers lebten.

Am Ende der Straße in Jar al-Qamr verbrachten Rima Ghannam und ihr Ehemann die letzten beiden Jahre mit dem Wiederaufbau ihrer zerstörten, völlig geplünderten und teilweise abgebrannten Schreinerei. Kleine Unternehmen wie dieses waren in Nahr al-Bared weit mehr verbreitet als in anderen Flüchtlingslagern. Vor dem Krieg gab es keine Zugangsrestriktionen und der Handel war ertragreich. Ghannam zeigt stolz auf die neuen Maschinen in der Werkstatt und sagt: „Wir es so wieder aufgebaut wie es früher war. Das Problem ist aber, dass wir unsere Erzeugnisse in einer großen Galerie und nicht in einem kleinen Raum ausstellen sollten um dann zu warten, bis jemand kommt und etwas kauft.“

Rima Ghannam erklärt, die Verwendung billigerer Rohmaterialien und der stückweise Verkauf sei problematisch. „Wenn es möglich wäre, zur Produktion ganzer Kollektionen von Betten und Möbeln zurückzukehren würde sich unsere Lage sicherlich verbessern.“ Unter großen Schulden leidend und von der Kundschaft abgeschnitten hofft sie, dass die Armee die Checkpoints öffnen und den Verkehr zur nahen Autostraße, welche Tripoli mit der syrischen Grenze verbindet, erleichtern wird.

Die LAF lassen derweil verlauten, ihre Sicherheitsmaßnahmen „dienen vor allem dem Schutz der Leute durch die Prävention der Infiltration durch Terroristen oder zur Verhaftung ausgeschriebener Personen und der Unterbindung des Schmuggels von Waffen, Sprengstoff und illegalem Material.“ In Kontrast dazu bezeichnet Charlie Higgins von der UNRWA die Sicherheitsmaßnahmen der libanesischen Armee als ein „signifikantes Hindernis hinsichtlich des Wiederaufbaus des Camps in jedem Sinne.“ Er beschreibt die wirtschaftliche Situation als „festgefahren.“

Im Oktober hoben die LAF die Bewilligungspflicht für libanesische StaatsbürgerInnen auf. Diese können das Flüchtlingslager nun mit ihrem normalen Ausweis betreten. Trotzdem hat die Anzahl libanesischer KundInnen kaum zugenommen, weil sie lange Wartezeiten, Kontrollen und Befragungen am Abdi-Checkpoint, dem einzigen den sie passieren dürfen, erdulden müssen. Mehrere LibanesInnen berichteten, dass sie wieder ihre alten Bewilligungen verwenden, da damit der Zugang schneller und einfacher sei.

In Nahr al-Bared schalten und walten Armee und Geheimdienst nach eigenem Belieben. Die Flüchtlinge vermeiden es mittlerweile, öffentlich und ausführlich über die Sicherheitskräfte oder den libanesischen Staat zu sprechen. Der Geheimdienst hat die schwierige Situation der Flüchtlinge dazu missbraucht, zahlreiche InformantInnen zu rekrutieren – vor allem Frauen – deren Dienste vor allem mit Telefonkarten vergolten werden.

Neulich haben die ISF, die libanesische Polizei, am nördlichen Endes des Camps einen Posten errichtet. Die gegenwärtige Rolle der ISF scheint aber auf Straßenpatrouillen beschränkt zu sein. Marwan Abdulal, Chef der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und Verantwortlicher für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sagt, „das Problem ist, dass die libanesische Armee trotz der Ankunft der ISF präsent geblieben ist.“ Er verlangt den Abzug der Armee und dass Nahr al-Bared nicht länger als Militärzone gilt sondern als ziviles Gebiet betrachtet wird.

Die zukünftigen Sicherheitsmaßnahmen in Nahr al-Bared werden gegenwärtig heftig debattiert. Die libanesische Regierung beabsichtigt, das Camp unter staatlicher Obhut zu behalten und das angelsächsische Modell des community policing einzuführen. Die USA sponsern zurzeit ein 6-Mio. Dollar teures Programm zum Training der ISF. Der Journalist Amr Saededine findet die Idee absurd. „Es kommt aus heiterem Himmel und sie wollen Nahr al-Bared zu einem Testfeld machen. Das Konzept wird weder im Libanon noch sonst wo in der Region angewendet.“ Er argumentiert, die Regierung priorisiere die Umsetzung des community policing, anstatt einen Dialog mit den PalästinenserInnen zu führen und ein Abkommen auszuhandeln.

Derweil zieht es die PLO vor, die palästinensische Selbstverwaltung aufrecht zu erhalten und das Volkskomitee des Camps zu reformieren. Sie schlägt vor, eine eigene Polizei zu bilden, welche mit dem Volkskomitee und den ISF koordiniert, während letzterer aber außerhalb des Flüchtlingslagers stationiert ist. Der PLO-Delegierte Abdulal, der selbst in Nahr al-Bared wohnt, glaubt nicht, dass direkte libanesische Sicherheitskontrolle über das Camp funktionieren würde. „Solange das Gesetz diskriminierend bleibt, aber angewandt werden soll, ist das Experiment zum Scheitern verurteilt.“

In der Tat, die Anwendung des gegenwärtigen libanesischen Gesetzes in Nahr al-Bared würde bedeuten, dass die ISF sozusagen alle Leute zu verhaften hätte, sagt Saededine. „PalästinenserInnen ist es untersagt, Eigentum zu besitzen, in vielen Berufen tätig zu sein, Geschäfte zu eröffnen usw.“ Offensichtlich würde die Anwendung libanesischen Rechts in den Flüchtlingslagern bedeuten, dass eine seriöse Diskussion über Bürgerrechte für PalästinenserInnen im Libanon geführt werden müsste. In keinem anderen arabischen Land werden PalästinenserInnen rechtlich derart stark diskriminiert wie im Libanon.

Für Abdulal ist klar, „es ist unmöglich Sicherheit im Libanon (state security) zu erreichen, ohne den PalästinenserInnen menschliche Sicherheit (human security) zu garantieren. PalästinenserInnen müssen Bürgerrechte erhalten.“ In einem positiven Schritt wurde 2005 das libanesisch-palästinensische Dialogkomitee (LPDC) vom libanesischen Ministerrat ins Leben gerufen. Das Mandat dieser Institution besteht aus der Verbesserung der Lebensbedingungen der 250.000 palästinensischen Flüchtlinge im Libanon. Bis heute blieb der Einfluss des LPDC allerdings marginal und Schlüsselthemen wie die Abschaffung der Diskriminierung von PalästinenserInnen auf dem libanesischen Arbeitsmarkt wurden nicht ernsthaft angepackt.

Nahr al-Bareds Wiederaufbau ist ein enorm politisches Unterfangen und alle involvierten Parteien betrachten es als eng verknüpft mit der Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon und deren Beziehungen zu ihrem Gastland. Es gibt Chancen und tatsächlich scheinen einige libanesische politische Akteure für einen Paradigmenwechsel bereit. Trotzdem verbleiben zahlreiche Hindernisse und die Entwicklungen in Nahr al-Bared während der letzten zweieinhalb Jahren deuten auf eine fortwährende Hegemonie von Sicherheitsdenken hinsichtlich der PalästinenserInnen hin – entgegen all den netten Worten und schönen Versprechen.

Dieser Bericht wurde von Ray Smith verfasst und in der schwedischen Wochenzeitung Arbetaren veröffentlicht.

bericht: "unerfüllte versprechen in nahr al-bared"

2010-03-12
[en]
nachdem das palästinensische flüchtlingslager nahr al-bared in einem krieg 2007 völlig zerstört wurde, versprach die libanesische regierung den 30.000 flüchtlingen einen schnellen wiederaufbau und die rückkehr ins camp. zweieinhalb jahre danach hat sie noch immer nicht wort gehalten und das flüchtlingslager ist nach wie vor im griff der libanesischen armee. (...) [weiterlesen]

Jan 18, 2000

bericht: "Libanesische Armee behindert Wiederaufbau Nahr al-Bareds"

2010-01-18
[en] [fr]
Der Wiederaufbau in Verzug, der Zugang limitiert, das Gebiet eine Militärzone und Arbeitslosigkeit weit verbreitet: Mehr als zwei Jahre nach Ende der Kämpfe präsentiert sich das palästinensische Flüchtlingslager Nahr al-Bared im Libanon nicht als jenes Vorbild, zu welchem die libanesische Regierung es zu machen versprach.

Ein 15 Wochen dauernder Krieg im Sommer 2007 hinterließ Nahr al-Bared Camp im Norden Libanons völlig zerstört. Bislang sind rund zwei Drittel der 30.000 EinwohnerInnen in die äußeren Bereiche des Flüchtlingslagers zurückgekehrt. Einer von ihnen ist Jihad Awed, der gelangweilt vor seinem kleinen Kleiderladen sitzt und PassantInnen beobachtet. An die guten Zeiten vor dem Krieg erinnernd sagt er, sein Geschäft sei größer gewesen und er hätte eine größere Auswahl von Produkten gehabt: „Es lief gut und ich konnte davon leben. Ich machte 130 bis 200 Dollar Umsatz täglich.“

Als er nach dem Krieg nach Nahr al-Bared zurückkehrte, versuchte sich Awed als Schuhhändler, doch sein Geschäft scheiterte. Darauf hin verschacherte er den Heiratsschmuck seiner Frau und eröffnete einen Kleiderladen, dessen täglicher Umsatz sich gerade mal auf 30 Dollar beläuft. „Ich kann davon nicht leben,“ sagt Awed kopfschüttelnd und erklärt: „Die Ladenmiete beträgt monatlich 100 Dollar. Ich kaufe Zigaretten und Kaffee und die Einkünfte sind weg.“

Charlie Higgins ist der Projektmanager für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds der UNO-Agentur für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA). Er beschreibt die wirtschaftliche Situation in Nahr al-Bared als „festgefahren“ und ergänzt: „Seit Kriegsende hat sich nicht viel geändert. Weder hat sich die Wirtschaft regeneriert, noch hat sich die Beschäftigungssituation markant verbessert.“ Higgins erklärt, dass die Leute nach wie vor in einer temporären Umgebung lebten und zum Teil noch gar nicht nach Nahr al-Bared zurückgekehrt seien. Zusätzlich habe das Flüchtlingslager seine Verbindungen zu den libanesischen Nachbardörfern verloren. Die Worte vorsichtig wählend sagt Higgins: „Das Gebiet liegt nach wie vor innerhalb eines Militärgürtels, was die Wiederherstellung der einst engen Integration reguliert und zu einem gewissen Grad verhindert.“

Tatsächlich machen viele Ladenbesitzer in Nahr al-Bared die mangelnde Kundschaft von außerhalb für ihre aussichtslose Situation verantwortlich. Nasser Nassar, der Gasflaschen abfüllt und verkauft, schimpft: „Die Checkpoints und die Belagerung sind das größte Problem.“ Er sagt, libanesische Käufer präferierten nun Geschäfte außerhalb des Flüchtlingslagers. „Wieso sollten sie ins Camp kommen, wozu sie Bewilligungen benötigen und von der Armee durchsucht und geprüft werden?“ fragt Nassar verständnisvoll.

Anders als andere palästinensische Flüchtlingslager im Libanon war Nahr al-Bared einst ein wirtschaftliches Zentrum für die gesamte Region. Die Hälfte der Kundschaft war libanesisch. Als der Krieg endete, blieb der total zerstörte Kern des Camps wie auch das größtenteils palästinensisch-besiedelte angrenzende Gebiet unter Kontrolle der libanesischen Armee (LAF). Zugang ist bloß mit Spezialbewilligungen des Armeegeheimdienstes möglich.

Diverse Hilfsorganisationen haben versucht, Nahr al-Bareds Wirtschaft wieder auf die Beine zu kriegen. Viele Projekte bleiben aufgrund der äußeren Bedingungen aber relativ wirkungslos. Première Urgence (PU) hat 220 UnternehmerInnen materiell unterstützt. Julien Mulliez, Projektleiter von PU sagt, die Regeneration der Wirtschaft werde durch die gegenwärtigen Zugangsbedingungen zu Nahr al-Bared gefährdet: „Der Zugang unterliegt vorgängiger Autorisierung. Dies resultiert in einer kleineren Anzahl KundInnen, die das Camp besuchen.“

Die palästinensisch-arabische Frauenliga (PAWL) hat fünf ähnliche Projekte durchgeführt. Sahar Itani, Programmkoordinatorin der PAWL ist wenig optimistisch, was die Nachhaltigkeit der unterstützten Unternehmen angeht. „Wegen der begrenzten Kundenbasis haben wir eine Art Sättigung des Marktes erreicht,“ erklärt sie.

Der Kleiderhändler Awed klagt, dass die Verkäufer im Camp einander gegenseitig ihre Produkte verkaufen, während alle untätig herum sitzen. „Das Geld zirkuliert am selben Ort. Nichts kommt herein,“ sagt er. Hassan Mawed, der Präsident von Nahr al-Bareds Händlerkomitee, schätzt, dass LibanesInnen gegenwärtig weniger als fünf Prozent der Kundschaft ausmachen. „Dies ist viel zu wenig, um Nahr al-Bareds Wirtschaft ernsthaft anzukurbeln,“ urteilt er.

Sakher Sha'ar ist ein Coiffeur in Nahr al-Bareds früherer Hauptstraße. Es mangelt ihm an Arbeit: „Es gibt hier 29 Salons. Solange niemand von außerhalb hereinkommen kann, sind 29 zu viele für das Camp.“ Einige Häuserzeilen entfernt rasiert Salim Mawed gerade einen Kunden. Er sagt, er setze gegenwärtig rund 20 Dollar pro Tag um. Früher, als er seinen eigenen Salon besaß, seien es ungefähr 35 Dollar gewesen. „Jetzt muss ich Miete für den Salon und die Arbeitsutensilien bezahlen. Am Ende bleibt nichts übrig,“ sagt der junge Coiffeur.

Vor dem Krieg waren zwei Drittel der werktätigen Bevölkerung Nahr al-Bareds innerhalb des Camps beschäftigt. Außerhalb der Flüchtlingslager zu arbeiten ist für PalästinenserInnen schwierig, da sie auf dem libanesischen Arbeitsmarkt arg diskriminiert werden. Die Arbeitslosigkeit hat daher den Auswanderungswillen vieler verstärkt, sagt Salim Mawed: „Gäbe man uns die Möglichkeit zur Emigration - niemand bliebe. Ich wäre der erste. Ich würde alles zurücklassen.“

Seit Mitte Oktober erlaubt die Armee libanesischen StaatsbürgerInnen, das Camp ohne Spezialbewilligungen zu betreten, allerdings nur durch den Abdi-Checkpoint am nördlichen Ende des Camps. Die angeblichen Erleichterungen der LAF haben allerdings weder mehr libanesische Kundschaft angelockt, noch den Zugang zum Camp vereinfacht.

Ein Journalist, der seinen Namen nirgends publiziert sehen will, fuhr neulich mit einem libanesischen Freund nach Nahr al-Bared. Er erinnert sich: „Wir zählten elf Befehle und Fragen, um zehn Meter vorwärts zu kommen: 'Euren Ausweis! Steigt aus! Parkt!'“ Es sei schlimm, sagt der Journalist und ruft aus: „Dies ist ein Wohngebiet, keine Armeebasis! Dies ist eine kollektive Bestrafung der Bevölkerung.“

Eine anonym bleiben wollende libanesische Angestellte einer in Nahr al-Bared tätigen Nichtregierungsorganisation sagt, sie benütze noch immer ihre Spezialbewilligung, auch wenn sie mittlerweile ohne durch die Checkpoints gehen könne. Dies sei einfacher und schneller: „Ich verbringe lieber 20-30 Minuten mehr in unserem Büro und helfe Leuten, als dieselbe Zeit am Checkpoint zu verschwenden, bis mein Name geprüft ist,“ sagt die Frau.

Die libanesische Regierung beabsichtigt, das einst wieder aufgebaute Flüchtlingslager zu einem Modell für bessere Beziehungen zwischen den PalästinenserInnen und ihrem Gastland zu machen. Hassan Mawed nerven diese Versprechen mittlerweile. Mit anschwellender Stimme fragt er: „Ein Modell für was denn? Ein Modell für ein Gefängnis? Für eine Belagerung, Checkpoints und Erniedrigung? Es sollte ein Modell sein, welches uns Freiheit und Rechte, insbesondere auf Arbeit und Eigentum, gibt!“

Charlie Higgins von der UNRWA betrachtet die Sicherheitsmaßnahmen der LAF als „signifikantes Hindernis für die Erholung des Camps in jedem Sinn.“ Der Verantwortliche der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds, Marwan Abdulal, verlangt den Rückzug der libanesischen Armee und stellt klar: „Die grundsätzliche Bedingung für die Wiederherstellung der Wirtschaft und des sozialen Lebens ist der Abbau der Checkpoints oder wenigstens die Abschaffung der Bewilligungen.“

Als Reaktion auf zunehmende Beschwerden von EinwohnerInnen, Medienberichten, lokalen Organisationen, Parteien und internationalen Hilfsorganisationen rechtfertigten sich die LAF neulich in einer öffentlichen Erklärung: „Die Sicherheitsmaßnahmen dienen primär der Erhaltung der Sicherheit der Menschen, indem die Infiltration von Terroristen und zur Verhaftung ausgeschriebenen Leuten sowie der Schmuggel von Waffen, Sprengstoff und illegalem Material verhindert wird.“

Dieser Bericht wurde von einem unserer AktivistInnen verfasst. Die englische Originalversion des Beitrags wurde hier von Electronic Lebanon veröffentlicht.

bericht: "libanesische armee behindert wiederaufbau nahr al-bareds"

2010-01-18
[en] [fr]
der wiederaufbau in verzug, der zugang limitiert, das gebiet eine militärzone und arbeitslosigkeit weit verbreitet: mehr als zwei jahre nach ende der kämpfe präsentiert sich das palästinensische flüchtlingslager nahr al-bared im libanon nicht als jenes vorbild, zu welchem die libanesische regierung es zu machen versprach. (...) [weiterlesen]

bericht: "Neues Sicherheitsmodell für Flüchtlingslager stößt auf Ablehnung"

2010-01-18
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Die jüngsten Auseinandersetzungen im Flüchtlingslager Ain al-Hilweh haben erneut die fragile Sicherheitslage in einigen palästinensischen Camps im Libanon offenbart. Die Pläne der Regierung, die Sicherheit in den Camps zu übernehmen, werden aber von den PalästinenserInnen abgelehnt.

Das neue Jahr hatte kaum begonnen, als automatisches Gewehrfeuer und Panzerfäuste Ain al-Hilweh Camp in den Außenbezirken der libanesischen Küstenstadt Saida erschütterten. Der jüngste Konflikt wurde ausgelöst als Kämpfer der militanten islamistischen Gruppierung Jund ash-Sham ein Büro der Fatah-Partei im Camp angriffen. Die Kampfhandlungen wurden eingedämmt und schließlich eingestellt, als das lokale Sicherheitskomitee ins Geschehen eingriff.

Ain al-Hilweh und andere Flüchtlingslager beherbergen diverse palästinensische nationalistische Gruppen wie auch islamistische Kräfte, welche die libanesische Regierung als Bedrohung der nationalen Sicherheit und Stabilität wahrnimmt. 2007 lieferten sich eine dieser Gruppen namens Fatah al-Islam und die libanesische Armee (LAF) in Nahr al-Bared Camp, dem nördlichsten aller Flüchtlingslager, eine 15-wöchige Schlacht. Dabei wurde Nahr al-Bared komplett zu Schutt reduziert und 30.000 Menschen mussten fliehen.

Die Mehrheit der 250.000 palästinensischen Flüchtlinge im Libanon lebt in einem der 12 offiziell anerkannten Camps. Das Kairo-Abkommen von 1969 brachte die Flüchtlingslager unter Kontrolle der palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und untersagt libanesischen Sicherheitskräften den Zugang.

Obwohl die libanesische Regierung Ende der 80er-Jahre das Kairo-Abkommen aufkündigte und damit theoretisch die Kontrolle über die Camps zurückgewann, hat der Staat sich bislang davor gedrückt, seine Autorität direkt auszuüben. In den Flüchtlingslagern kümmern sich seither Volkskomitees um politische Belange, während Sicherheitskomitees als interne Polizei wirken.

Als 2006 Fatah al-Islam nach Nahr al-Bared einsickerte, hatte das Camp allerdings bloß ein schwaches Volkskomitee und kein funktionierendes Sicherheitskomitee. Die palästinensischen Parteien waren uneins und schafften es nicht, die gut ausgerüstete islamistische Gruppe aus dem Flüchtlingslager zu vertreiben – mit bekanntlich fatalen Folgen.

An der internationalen Geberkonferenz für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds 2008 in Wien erklärte die libanesische Regierung, das einst rekonstruierte Camp werde „nicht ins gleiche Umfeld und zum sozialen und politischen Status quo ante zurückkehren, welcher die Übernahme durch Terroristen begünstigte,“ sondern unter staatliche Autorität gestellt.

Die Regierung verkündete, die Rechtsstaatlichkeit werde im Flüchtlingslager von den Internal Security Forces (ISF), der libanesischen Polizei, durch sogenanntes community bzw. proximity policing durchgesetzt. Andeutend dass das zerstörte Camp als Experimentierfeld dienen soll, betonte die Regierung, dass Erfolg in Nahr al-Bared das Sicherheitskonzept zur Anwendung in anderen palästinensischen Flüchtlingslagern empfehlen werde.

Im Oktober 2009 tourte eine Delegation von sechs hohen ISF-Beamten durch die USA um die dortige Umsetzung von community policing zu studieren. Der Besuch war Teil eines Programms, welches vom Bureau of Narcotics and Law Enforcement des US-Außenministeriums mit 6 Mio. Dollar gesponsert wird. Das Hilfsprogramm beinhaltet auch den Bau eines Polizeipostens und Ausrüstung wie bspw. Patrouillenfahrzeuge. Seit 2006 hat die amerikanische Regierung Libanon mit mehr als einer halben Milliarde Dollar für Sicherheitszwecke unterstützt.

Community policing ist ein Konzept für Polizeiarbeit in spezifischen, genau definierten Gebieten. In der Theorie baut es auf gegenseitig nutzbringende Beziehungen zwischen der Polizei und den Bürgern und betont die Beteiligung der Gemeinschaft im Lösen von Problemen. Die community police profitiert von der Expertise und den Ressourcen, welche in der Gemeinschaft vorhanden sind.

Der Verantwortliche der PLO für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds, Marwan Abdulal, mag die Idee nicht, das Konzept in den Flüchtlingslagern umzusetzen. „Es ignoriert die Besonderheit Libanons und der palästinensischen Präsenz im Land,“ sagt er. Abdulal glaubt nicht, dass direkte libanesische Sicherheitskontrolle über das Camp funktionieren würde. „Solange das Gesetz diskriminierend bleibt, aber angewandt werden soll, ist das Experiment zum Scheitern verurteilt.“

„Das Konzept ist modisch. Das Wort community zieht,“ sagt Amr Saededine, ein unabhängiger Journalist. Er erklärt, beim community policing gehe es vor allem darum, die Leute einander gegenseitig ausspionieren zu lassen und beim Geheimdienst zu verpetzen. Ghassan Abdallah, Generaldirektor der Palestinian Human Rights Organisation (PHRO), weist auf Umfragen hin die zeigen, dass eine große Mehrheit der Flüchtlinge den libanesischen Sicherheitskräften nicht vertraut und dagegen ist, dass diese die Camps kontrollieren.

Beirut und der Regierungspalast sind derweil weit weg von den Ruinen, Trümmern und dreckigen Straßen Nahr al-Bareds. Hier sieht die Realität anders aus. Mehr als zwei Jahre nach dem Krieg sind etwas 20.000 Flüchtlinge zurückgekehrt und leben am Rande des zerstörten Flüchtlingslagers. Sie sind umgeben von Armeeposten, Stacheldraht und fünf Checkpoints. PalästinenserInnen und AusländerInnen werden nur mit vom Armeegeheimdienst ausgestellten Spezialbewilligungen zugelassen.

Der mukhabarat, der Armeegeheimdienst, patrouilliert die Straßen und hat unzählige InformantInnen rekrutiert. In Nahr al-Bared herrscht eine Atmosphäre der Angst. Die Leute vermeiden es, öffentlich und ausführlich über sensible Themen wie den libanesischen Staat oder dessen Sicherheitsapparat zu sprechen.

Vor allem Frauen werden rekrutiert. Ihre Dienste werden meist mit Telefonkarten vergolten. Andere InformantInnen genießen praktische Vorteile wie leichteren Zugang zum Camp. Eine Sozialarbeiterin, die nicht identifiziert werden will, sagt: „Es ist als hätten sie der Gesellschaft einen Virus implantiert, den man kaum mehr los wird.“ Unter Armeekontrolle lebend und in Abwesenheit eines eigenen Sicherheitskomitees sind die EinwohnerInnen Nahr al-Bareds nicht fähig, etwas gegen die InformantInnen und die Infiltration ihrer Gesellschaft zu unternehmen.

Die Kontrolle der Armee über den Alltag „führt dazu, dass manche Leute irgendwann ausrasten werden,“ sagt Sakher Sha'ar, ein Coiffeur in der Hauptstraße Nahr al-Bareds. „Wieso behandeln sie uns derart? Wieso behandeln sie uns nicht wie die EinwohnerInnen der umliegenden libanesischen Dörfer? Wir sind nicht ihre Feinde!“ Viele Flüchtlinge erinnern sich an die sogenannte palästinensische Revolution Ende der 60er-Jahre, welche eine Reaktion auf die jahrzehntelange Unterdrückung durch den damaligen Armeegeheimdienst, das deuxième bureau, darstellte. Der Aufstand begann in Nahr al-Bared.

Vor einigen Monaten errichteten die ISF am nördlichen Ende Nahr al-Bareds einen Polizeiposten. Der PLO-Delegierte Marwan Abdulal begrüßt Schritte, welche die Militärzone in ein ziviles Gebiet zurück verwandeln. Er weist aber auf das Problem hin, „dass die Armee präsent blieb, als die ISF hereinkamen.“ In der Tat haben die ISF im Camp gegenwärtig praktisch keine Funktion. Die Armee ist es, welche die Leute kontrolliert, einschüchtert und verhaftet.

Das libanesische Innenministerium scheint unsicher zu sein, wie die ISF in Nahr al-Bared künftig das Gesetz durchsetzen sollen. „Sie müssten das ganze Camp verhaften,“ sagt der Journalist Amr Saededine. „PalästinenserInnen dürfen kein Eigentum besitzen, in vielen Berufen nicht arbeiten, keinen Laden öffnen, keine NGO gründen usw.“ Ernsthafter Rechtsvollzug in den Flüchtlingslagern durch die ISF bedürfte unweigerlich einer fundamentalen Reform des diskriminierenden libanesischen Gesetzes.

Unter libanesischem Recht werden PalästinenserInnen bislang als staatenlose AusländerInnen betrachtet. Während sie in manchen Berufen gar nicht arbeiten dürfen, benötigen andere eine Arbeitsbewilligung, welche kaum zu kriegen ist. PalästinenserInnen profitieren vom libanesischen Sozialversicherungssystem nicht und es ist ihnen untersagt, Eigentum zu besitzen oder zu erben. Die Flüchtlinge haben zudem keinen Zugang zum libanesischen Gesundheits- und Schulsystem. Sie leiden unter zahlreichen Restriktionen wie bspw. jene betreffend des Häuserbaus.

In Nahr al-Bared geht es nicht bloß um künftige Sicherheitsmechanismen, sondern letztlich auch um die politische Steuerung des Camps. Die PLO hat die Notwendigkeit einer Reform des Volkskomitees realisiert. Abdulal schlägt eine zivile Körperschaft ähnlich einer Gemeindeverwaltung vor, die aus den verschiedenen Parteien und RepräsentantInnen der Zivilgesellschaft besteht.

Was interne Sicherheit angeht, insistiert die PLO auf Selbstverwaltung, um der Absicht der libanesischen Regierung zu entgegnen, community policing einzuführen. Mit Verweis auf das erfolgreiche Modell, welches in Syrien angewandt wird, sagt Abdulal, dass es in Nahr al-Bared eine palästinensische Polizei geben soll, welche dem Volkskomitee angeschlossen ist und mit den ISF koordiniert, während letztere außerhalb des Flüchtlingslagers bleiben.

Ein ähnliches Modell wird bislang auf informeller Basis in den meisten palästinensischen Camps im Libanon praktiziert. Deren Sicherheitskomitees koordinieren mit den libanesischen Behörden und haben dem Staat in verschiedenen Fällen Verdächtigte ausgehändigt. Amr Saededine findet, ein seriöser Versuch, die Themen der Steuerung der Camps und der internen Sicherheit anzugehen, müsste sich zwingend daran orientieren, wie die Gesellschaft ihre Probleme bislang selbst zu lösen pflegte. „Aber einfach so das angelsächsische Konzept des community policing mit einem Fallschirm auf das Camp abzuwerfen, ist irrational.“

Nachdem einige libanesische Medien neulich über einen Blendgranaten-Anschlag im Rashidiyeh Camp im Südlibanon berichteten, beschuldigte sie der Fatah-Vertreter Sultan Abu al-Aynayn, diesen Konflikt zwischen zwei Personen aufzublähen und ihn darzustellen als hätte er eine politische und sicherheitsrelevante Dimension. Er argumentierte, dass dieser konstante Fokus auf PalästinenserInnen als Sicherheitsproblem deren legitime Forderung nach zivilen und sozialen Rechten verdecke.

Für Abdulal ist klar, „es ist unmöglich nationale Sicherheit (state security) im Libanon zu erreichen, ohne den PalästinenserInnen menschliche Sicherheit (human security) zu garantieren. „Es muss ein allgemeines Gefühl von Sicherheit unter den PalästinenserInnen geschaffen werden und zwar im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Sinn.“

Im Libanon werden PalästinenserInnen noch immer einzig unter dem Aspekt ihres Gefahrenpotentials betrachtet. In Nahr al-Bared hat die Regierung ihrer Armee erlaubt, eine maßgebliche Rolle im Wiederaufbau-Projekt zu spielen. Sie hat keinerlei Willen gezeigt, die Behandlung der palästinensischen Flüchtlinge durch den Staat zu revidieren und ihre rechtliche Diskriminierung nach mehr als 60-jähriger Präsenz aufzugeben. Gegenwärtige Entwicklungen im Versuchslabor namens Nahr al-Bared deuten eher auf ein einseitiges Aufzwingen direkter Kontrolle über die PalästinenserInnen hin als auf eine „beidseitig nutzbringende Partnerschaft“ zwischen den PalästinenserInnen und ihrem Gastland.

Dieser Bericht wurde von Ray Smith verfasst. Die englische Originalversion des Beitrags wurde hier von IPS Inter Press Service veröffentlicht.

bericht: "neues sicherheitsmodell für flüchtlingslager stößt auf ablehnung"

2010-01-18
[en] [fr]
die jüngsten auseinandersetzungen im flüchtlingslager ain al-hilweh haben erneut die fragile sicherheitslage in einigen palästinensischen camps im libanon offenbart. die pläne der regierung, die sicherheit in den camps zu übernehmen, werden aber von den palästinenserInnen abgelehnt. (...) [weiterlesen]

bericht: "neues sicherheitsmodell für flüchtlingslager stößt auf ablehnung"

[en]
die jüngsten auseinandersetzungen im flüchtlingslager ain al-hilweh haben erneut die fragile sicherheitslage in einigen palästinensischen camps im libanon offenbart. die pläne der regierung, die sicherheit in den camps zu übernehmen, werden aber von den palästinenserInnen abgelehnt. (...) [weiterlesen]

Dec 29, 1999

bericht: "Rebellischer Rap aus einem zerstörten Flüchtlingslager"

2009-12-29
[en] [es] [fr]
Abends in den unbeleuchteten Straßen des Flüchtlingslagers Nahr al-Bared durch knöcheltiefen Dreck stapfend irritieren die Hip-Hop-Klänge aus den Häusern und Hütten der Flüchtlinge. Doch die Reime entstanden im Camp – und sind äußerst mutig.

"Ich trage Sorgen / aus dem Inneren eines zerstörten Camps / Ich bereite einen Angriff vor / Worte drehen sich in meinem Kopf / Nahr al-Bared ist mit Eisenstäben eingezäunt / In den Zeitungen berichten sie über das Leid / Jedes Wort macht Sinn."

Farhan Abu Siyam (21) ist Nahr al-Bareds erster und einziger Rapper. Sein Künstlername lautet 'MC Tamarrod' oder zu deutsch: MC Rebellion. In Libanons palästinensischen Flüchtlingslagern Nahr al-Bared und Bourj al-Barajneh aufgewachsen, weiß er, dass Hip-Hop in der palästinensischen Gesellschaft umstritten ist: "Viele Leute mögen Rap nicht weil sie gegen westliche Musik oder Elemente wie den Takt sind," erklärt Abu Siyam. Er fordert die Gesellschaft auf, Rap eine Chance zu geben und betont, dass er nicht einer fremden Sprache singe, sondern arabische Wörter und Straßen-Slang benütze: "Ich rappe in unserem palästinensischen Dialekt, in der Sprache der Camps, wo ich geboren und aufgewachsen bin.

Abu Siyams Inspirationsquellen sind Rap-Crews wie 'Katibe 5' und 'I-Voice' aus Beiruts Flüchtlingslager Bourj al-Barajneh und Hip-Hop-Gruppen aus Palästina wie 'Ramallah Underground' oder 'DAM', welche als Gründer des palästinensischen Hip-Hops gelten. Ihr Stil ist alles andere als oberflächlich und auf pure Unterhaltung oder Kommerz aus. Palästinensische Rapper sind meist durch ihre Herkunft gezeichnet, betonen ihre marginalisierte, unterdrückte Stellung und betrachten ihre Worte als Waffen in ihren politischen und sozialen Kämpfen.

MC Tamarrod nimmt kein Blatt vor den Mund. Er rappt über das miserable Leben in Nahr al-Bared nach dem Krieg. Mit dem autonomen Medienkollektiv 'a-films' produzierte er neulich einen kurzen Video-Clip. Vor einer mit Einschusslöchern überzogenen Wand eines ausgebrannten Hauses gestikulierend thematisiert er den zerstörerischen Krieg von 2007:

"Du fragst mich was passierte? / Jene, die zuschlugen, rannten davon / Jene die vorbeikamen, plünderten / Und einige von ihnen legten Feuer."

Vor zweieinhalb Jahren wurde das Flüchtlingslager Nahr al-Bared im Norden Libanons in und nach einem Krieg zwischen der libanesischen Armee (LAF) und der militanten, nicht-palästinensischen Gruppe Fatah al-Islam, vollständig zerstört. Heute leben zwei Drittel der EinwohnerInnen des Camps in seinem äußersten Bereich in beschädigten Häusern und temporären Unterkünften. Abu Siyam sagt, viele Leute hätten über Nahr al-Bared gesungen und gesprochen, "aber niemand äußert sich zum Krieg, unserer Hoffnungslosigkeit und Unterdrückung."

Nahr al-Bared ist nach wie vor abgeriegelt und gilt als militärischen Sperrzone. Die LAF unterhalten fünf Checkpoints an den Eingängen zum Camp. Zutritt ist nur mit speziellen Bewilligungen möglich, welche beim Armeegeheimdienst beantragt werden müssen. JournalistInnen können nicht frei arbeiten. "Wir sind umzingelt und leben wie in einem Gefängnis. In anderen Flüchtlingslagern können die Menschen auf normale Weise kommen und gehen," klagt Abu Siyam. Die Armeepräsenz in und um Nahr al-Bared ist eines der Hauptthemen, über die MC Tamarrod rappt:

"Ich bin Palästinenser und unterwerfe mich eurer Armee nicht / Stoppt den Bau dieser Mauer! / Vom ersten Moment an begriff ich, was ihr wolltet: / 'Zeig mir deinen Ausweis, wo ist die Bewilligung?'"

Die libanesische Armee bezeichnet die Checkpoints und Bewilligungen als notwendig um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, "indem die Infiltration von Terroristen und gesuchten Personen, der Schmuggel von Waffen, Sprengstoff und illegalem Material verhindert wird." Viele Flüchtlinge in Nahr al-Bared fühlen sich durch die LAF aber gedemütigt und unterdrückt. Abu Wissam Gharib, Chef der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) sagt, es sei nachvollziehbar, dass der Krieg der Armee bedurfte, "aber wieso zog das Militär nicht ab, als der Krieg vorüber war?" Er wundert sich, weshalb er in ganz Libanon mit seinem Ausweis herumreisen kann, aber für die Rückkehr in sein Zuhause in Nahr al-Bared eine Bewilligung benötigt.

Abu Siyam nimmt seine Songs im Studio 'al-Mukhayyamat' im Flüchtlingslager Bourj al-Barajneh auf. Das Camp in der südlichen Peripherie Beiruts ist die Geburtsstätte palästinensischen Hip-Hops in Libanon und beherbergt die Rap-Gruppen 'I-Voice' und 'Katibe 5'. Beide Crews kämpfen mit ihren Worten nicht nur gegen die verschiedenen Formen der Diskriminierung der ungefähr 250.000 PalästinenserInnen im Libanon, sondern greifen auch das Establishment ihrer eigenen Gesellschaft an. Sie beschuldigen NGOs und die politischen Parteien der Korruption und des Verrats an der palästinensischen Sache. Ebenso MC Tamarrod:

"Die Parteien sind heuchlerisch / ihre Autorität dumm / verstärkt durch Lügen / Ihre Politik ist verrückt."

Abu Siyam ist sich seiner starken Worte bewusst, doch betont er: "Wir sind nicht gegen die libanesische Ordnung, aber sie enthalten uns unsere Rechte vor." Junge PalästinenserInnen in Abu Siyams Alter sehen meist keine positive Zukunft im Libanon. Emigration ist oft ihr einziges Ziel. Viele haben die Hoffnung verloren, dass den palästinensischen Flüchtlingen nach 60 Jahren Anwesenheit im Libanon doch noch Arbeits- und Eigentumsrechte gegeben werden. Als neulich eine Delegation aus Geberländern Nahr al-Bared besuchte, organisierten BewohnerInnen der temporären Unterkünfte einen Protest. Sie forderten allerdings nicht etwa mehr Hilfe, sondern Visa zwecks Emigration.

Die Zerstörung des Flüchtlingslagers und seines einst lebendigen Marktes, der stockende Wiederaufbau und die andauernde Belagerung des Camps durch die LAF haben die Verbreitung von Arbeitslosigkeit begünstigt. Charlie Higgins, Projektmanager der UNO-Agentur für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) für Nahr al-Bareds Wiederaufbau beschreibt die ökonomische Situation im Camp als "festgefahren." Er sagt, weder habe sich die Wirtschaft regeneriert, noch habe sich die Beschäftigungssituation seit Kriegsende verbessert.

MC Tamarrod hofft indes, dass es im Falle eines Wiederaufbaus Nahr al-Bareds einst ein Studio im Camp geben werde, wo er seine Rap-Songs aufnehmen könnte. Im Flüchtlingslager Beddawi, dem zweiten Camp in der Nähe der nordlibanesischen Stadt Tripoli, ist die Infrastruktur zwar vorhanden, aber die Produktion eines Songs kostet zwischen 200 und 250 US-Dollar. Gegenwärtig arbeitet MC Tamarrod an zwei neuen Hip-Hop-Songs – er wird wiederum nach Beirut fahren müssen, um sie aufzunehmen.

Dieser Bericht wurde von Ray Smith verfasst. Die englische Originalversion des Beitrags wurde hier von IPS Inter Press Service veröffentlicht.

bericht: "rebellischer rap aus einem zerstörten flüchtlingslager"

2009-12-29
[en] [es] [fr]
abends in den unbeleuchteten straßen des flüchtlingslagers nahr al-bared durch knöcheltiefen dreck stapfend irritieren die hip-hop-klänge aus den häusern und hütten der flüchtlinge. doch die reime entstanden im camp – und sind äußerst mutig. (...) [weiterlesen]

Dec 17, 1999

video: "hip-hop gegen die misere nach dem krieg"

2009-12-17
[en] [عر] [it] [fr] [tr]
mc tamarrod ist der erste und einzige rapper im flüchtlingslager nahr al-bared im libanon. in einem krieg im jahr 2007 wurde das camp zerstört und mc tamarrod musste wie die 30.000 anderen palästinenserInnen fliehen. beinahe 20.000 flüchtlinge sind in den äußeren bereich des camps zurückgekehrt, warten auf den wiederaufbau - und leiden unter der belagerung des camps durch die libanesische armee.

vertreibung, notunterkünfte, checkpoints, erniedrigung, diskriminierung... über diese themen rappt mc tamarrod mit zorn. inspiriert durch die hip-hop crews katibe 5 und i-voice aus dem flüchtlingslager bourj al-barajneh in beirut und rap-gruppen in palästina wie ramallah underground oder DAM ergriff er das mikrofon, um die welt hinter den checkpoints über die situation in nahr al-bared zu informieren.

dieser 5-minütige clip beinhaltet mc tamarrods letzten song und ein kurzinterview mit dem rapper. er kann hier heruntergeladen oder hier auf youtube angeschaut werden.

Nov 25, 1999

bericht: "Nahr al-Bareds Flüchtlinge bleiben trotz Beginn des Wiederaufbaus skeptisch"

2009-11-25
[en] [fr] [tr]
Mehr als zwei Jahre nachdem ihr Flüchtlingslager in einem Krieg zwischen der libanesischen Armee und der militanten islamistischen Gruppe Fatah al-Islam völlig zerstört wurde, wohnten Nahr al-Bareds Flüchtlinge diesen Mittwoch dem Beginn des Wiederaufbaus bei. Ihre Erleichterung vermischte sich aber mit Skepsis.

Gegründet im Jahr 1949 wurde das palästinensische Flüchtlingslager Nahr al-Bared in der nordlibanesischen Akkar-Region zum Wohnort von mehr als 30.000 Menschen. Im Sommer 2007 wurde das Camp total zerstört, als die libanesische Armee gegen eine gut bewaffnete, größtenteils nicht-palästinensische Gruppe von Militanten kämpfte, welche sich im Nahr al-Bared breit gemacht hatten.

Noch während des 15-wöchigen Krieges bildete sich eine Kommission von BasisaktivistInnen. Im Frühjahr 2008 legte diese einen Masterplan für den Wiederaufbau des Camps vor, welcher von der libanesischen Regierung und der UNO-Hilfsorganisation für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) abgesegnet wurde.

Die Räumung des Schutts und die eigentliche Wiederaufbau-Arbeit verzögerte sich allerdings immer wieder. Im Frühling 2009 wurde in einer von Lobreden flankierten Zeremonie der Grundstein für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds gelegt. Das geräumte Gelände blieb aber beinahe unberührt. Als im Sommer 2009 die Arbeit endlich begann, reichte der Anführer der Freien Patriotischen Bewegung und vormalige General Michel Aoun Beschwerde gegen den Regierungsentscheid zum Wiederaufbau Nahr al-Bareds ein und der libanesische Staatsrat verfügte eine zweimonatiges Baumoratorium.

In den frühen Morgenstunden des 25. Novembers verfolgten schließlich VertreterInnen der UNRWA und verschiedener palästinensischer Parteien und Organisationen sowie eine Anzahl Flüchtlinge aus Nahr al-Bared unter Bewachung libanesischer Soldaten aufmerksam die Betonierung des Fundamentes für das erste zu errichtende Gebäude.

Mahmoud Eshtawi, Vater zweier Söhne, lebt seit eineinhalb Jahren mit seiner Familie in einer 18m² großen Stahlbaracke am Rande Nahr al-Bareds. Gegenwärtig hat er bloß einen Job: Zweimal täglich fährt er den Bus eines lokalen Kindergartens. Er fühlt sich erleichtert: "Wir leben in unseren Baracken unter sehr schweren Bedingungen. Was ich heute sah gibt mir ein gutes Gefühl und Hoffnung, dass das Camp wieder aufgebaut wird." Seine Schwester Manal nickt: "Ich bin froh. Obwohl ich nicht weiß, wie lange es dauern wird bis es soweit ist, habe ich Hoffnung, nach Hause zurückzukehren. Unsere Rückkehr ist das Wichtigste."

Die wiederholten Verzögerungen während der letzten beiden Jahre führten zu einem weit verbreiteten Pessimismus unter Nahr al-Bareds Flüchtlingen. "Von Beginn weg bis heute hatten wir zahlreiche Hindernisse und Aufschübe zu bewältigen. Wir hätten das Camp innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre wieder aufbauen können," sagt Abu Khaled Freji. Er arbeitet seit deren Gründung bei der Wiederaufbaukommission Nahr al-Bareds (NBRC). Freji erklärt, dass besonders jene Vertriebenen, die in Garagen und Baracken wohnen, sich oft betrogen und angelogen fühlten und fügt an: "Dies ist bloß der Anfang, nichts mehr. Wir schwanken seit langem zwischen Hoffnung und Frustration. In einer sehr schwierigen und anstrengenden Situation lebend bin ich vorsichtig, mich überschwänglich zu freuen bloß weil sie heute ein wenig betoniert haben."

Der Zugang zum äußeren Bereich Nahr al-Bareds wie auch zur Baustelle wird nach wie vor von der libanesischen Armee kontrolliert. Amr Saededine, ein Journalist, der die Entwicklungen in Nahr al-Bared aufmerksam verfolgt, deutet auf die libanesische Armee als großes Hindernis für den Wiederaufbau-Prozess. "Die Armee mischt sich überall ein. Sie erklärte Nahr al-Bared zur Militärzone. Aber dies hier ist ein ziviles Gebiet, keine Armeebasis!"

Saededine sagt, die libanesische Armee habe immer wieder Änderungen des Masterplans für den Wiederaufbau verlangt. "Anfangs wollte die Armee beispielsweise keine Balkone für die Häuser zulassen. Zudem bestand sie darauf, dass alle Straßen so breit sein würden, dass sie mit Panzern befahren werden können."

Die Finanzierung des Wiederaufbaus Nahr al-Bareds bleibt derweil eine weitere offene Frage. Die UNRWA konnte bislang bloß etwa einen Drittel der benötigten 328 Millionen Dollar auftreiben. Vergangene Woche besuchten VertreterInnen von rund einem Dutzend Spenderorganisationen Nahr al-Bared. UNRWA-Vertreter haben neulich ihren Optimismus kundgetan, dass mit dem Beginn des Wiederaufbaus und der Bildung des libanesischen Kabinetts die Spenderfreudigkeit steigen sollte.

Aufgrund der Belagerung des Flüchtlingslagers durch die libanesische Armee und der Zerstörung der Geschäfte und Unternehmen hat die Arbeitslosigkeit in Nahr al-Bared ein dramatisches Ausmaß angenommen. Am Mittwoch verspürten aber viele junge Männer Hoffnung. Mohammed Eshtawi hat die letzten beiden Jahre vor allem mit Kaffeetrinken und Rumsitzen verbracht, da er kaum eine Möglichkeit fand, einer Arbeit nachzugehen und ein wenig Geld zu verdienen. Seine Stimmung ist nun verhalten optimistisch. "Wir haben lange auf den Beginn des Wiederaufbaus gewartet. Ich hoffe, dass viele von uns beim Wiederaufbau Arbeit finden," sagt Eshtawi. "Es ist ein langes Unterfangen. Ich hoffe, dass mein Vater und ich dort angestellt werden."

Dieser Bericht wurde von Ray Smith verfasst. Die englische Originalversion des Beitrags wurde hier von IPS Inter Press Service veröffentlicht.

bericht: "nahr al-bareds flüchtlinge bleiben trotz beginn des wiederaufbaus skeptisch"

2009-11-25
[en] [fr] [tr]
mehr als zwei jahre nachdem ihr flüchtlingslager in einem krieg zwischen der libanesischen armee und der militanten islamistischen gruppe fatah al-islam völlig zerstört wurde, wohnten nahr al-bareds flüchtlinge diesen mittwoch dem beginn des wiederaufbaus bei. ihre erleichterung vermischte sich aber mit skepsis. (...) [weiterlesen]

Nov 9, 1999

bild: politische kunst in nahr al-bared

2009-11-09
[عر] [en] [es] [it]
vor einigen tagen drückten zwei vertriebene aus dem zerstörten flüchtlingslager nahr al-bared im nordlibanon ihre auffassung des wiederaufbau-prozesses auf einer lokalen mauer aus...

Sep 23, 1999

bericht: "Wiederaufbau Nahr al-Bareds in der Schwebe"

2009-09-23
[en] [it] [fr]
Seit Ende August ruhen im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared die Baumaschinen. Der libanesische Staatsrat verhängte ein zweimonatiges Moratorium über den Wiederaufbau des zerstörten Camps.

Nahr al-Bared, das nördlichste der 12 palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon, wurde 2007 in einem dreieinhalbmonatigen Krieg komplett zerstört. Obwohl bereits Anfang 2008 ein Masterplan für den Wiederaufbau vorlag und von der libanesischen Regierung gutgeheißen wurde, verzögerte sich der Beginn der Bauarbeiten immer wieder. Als schließlich im Frühling 2009 beim Räumen des Schutts auch noch antike Ruinen unter dem ehemaligen Camp gefunden wurden, glaubten nur noch wenige Flüchtlinge diesen Berichten. Zu viele – teils sehr fadenscheinige – Begründungen für den Aufschub des Wiederaufbaus hatten sie sich zwei Jahre lang immer wieder anhören müssen.

Die archäologische Fundstelle existierte jedoch tatsächlich und das libanesische Generaldirektorat für Antiquitäten schaltete sich ein. Gemeinsam mit der UNO-Agentur für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) und dem zuständigen Büro des libanesischen Ministerpräsidenten wurde schließlich eine Lösung gefunden: Vor der Aufschüttung der einzelnen Sektoren und der Legung der Fundamente für die Gebäude würde das Generaldirektorat die altertümlichen Ruinen ausgraben und dokumentieren.

Ende Juni – manche Flüchtlinge trauten ihren Augen kaum – begann der Wiederaufbau Nahr al-Bareds endlich. Der Masterplan sieht einen gestaffelten Mechanismus vor; begonnen wurde mit Package 1. Laut der UNRWA war man mit dem Aufschütten dieses Sektors Ende Augusts beinahe fertig und bereitete die Betonarbeiten vor, als die UNRWA auf Geheiss der libanesischen Regierung den Bau stoppte.

Was war passiert? Bereits im Frühling reichte Michel Aoun, der Chef des oppositionellen Free Patriotic Movement, beim libanesischen Staatsrat eine Klage gegen den Regierungsentscheid betreffend der Aufschüttung des Camps ein. Am 18. August schließlich verordnete das Gericht ein vorläufiges Moratorium für den Wiederaufbau. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Tausende BewohnerInnen Nahr al-Bareds reagierten am 31. August mit einer massiven Demonstration nahe der Baustelle und auch in anderen Flüchtlingslagern im Libanon kam es zu Protesten. Es wurde nicht bloß der Baustopp kritisiert, sondern erneut die sofortige Aufhebung der Belagerung Nahr al-Bareds gefordert, welche die EinwohnerInnen und deren Marktplatz von der Umwelt isoliert. Mitte September trugen die Flüchtlinge ihren Protest in Begleitung libanesischer SymphatisantInnen schließlich auf die Straßen der nordlibanesischen Metropole Tripoli.

Vertreter des Komitees für den Wiederaufbau Nahr al-Bareds warnen davor, dass die archäologischen Funde erneut für politische Profilierungsversuche konkurrierender libanesischer Parteien verwendet werden. Das Komitee weist auf den die Klage Aouns begleitenden Diskurs hin, wonach auf dem Gebiet des zerstörten Flüchtlingslagers eine Touristenattraktion anstatt eines Camps errichtet werden soll.

Während der letzten zwei Jahre beschränkten sich die Proteste der EinwohnerInnen Nahr al-Bareds meist auf nichtkonfrontative Platzkundgebungen. Diese Zurückhaltung gründet unter anderem auf lebhaften Erinnerungen an eine Demonstration Ende Juni 2007, bei der drei Personen erschossen und zahlreiche weitere verletzt wurden. An einer Pressekonferenz deuteten die palästinensischen Flüchtlinge nun aber an, weitere Protestaktionen vorzubereiten. Auf die Belagerung des Camps wollen sie unter Umständen gar mit einem Boykott des herrschenden Bewilligungssystems der libanesischen Armee reagieren.

Dieser Bericht wurde von einem unserer AktivistInnen verfasst. Der Beitrag wurde erstmals hier auf al-sharq veröffentlicht.

bericht: "wiederaufbau nahr al-bareds in der schwebe"

2009-09-23
[en] [it] [fr]
seit ende august ruhen im palästinensischen flüchtlingslager nahr al-bared die baumaschinen. der libanesische staatsrat verhängte ein zweimonatiges moratorium über den wiederaufbau des zerstörten camps. (...) [weiterlesen]

Aug 17, 1999

audio: sendereihe "nahr al-bared - zwei jahre nach dem krieg"

im sommer 2007 wurde das palästinensische flüchtlingslager nahr al-bared im nordlibanon in einem 15-wöchigen krieg vollständig zerstört. in einer fünfteiligen serie gehen wir den hintergründen des krieges nach und dokumentieren verschiedene aspekte der gegenwärtigen situation im flüchtlingslager.

die erste sendung berichtet über den krieg, die vertreibung der einwohnerInnen nahr al-bareds und den zustand des flüchtlingslagers nach dem krieg. im herbst 2007 lag das camp in schutt und asche, viele häuser wurden von der libanesischen armee geplündert, angezündet und mit rassistischen graffitis besprüht.

die zweite sendung befasst sich mit der rückkehr eines teils der flüchtlinge nach nahr al-bared und ihrer unterbringung in temporären unterkünften. in miserablen umständen wohnend, warteten die flüchtlinge lange vergebens auf den beginn des wiederaufbaus nahr al-bareds. wiederholt protestierten sie gegen ihre lebensbedingungen und die verzögerungen des wiederaufbaus, während die palästinensische politische führungsriege sich einmal mehr durch untätigkeit auszeichnete.

die dritte sendung geht den plänen für den wiederaufbau nahr al-bareds nach. seit zwei jahren werden die flüchtlinge mit leeren versprechen vertröstet, während der wiederaufbauprozess nur äusserst langsam voran kommt. viele fürchten, dass das flüchtlingslager nie wieder aufgebaut werden wird.

die vierte sendung fokussiert auf wirtschaftliche aspekte der zerstörung nahr al-bareds. im gegensatz zu anderen palästinensischen flüchtlingslagern war das camp einst ein bedeutender regionaler marktplatz. die wirtschaftliche erholung bleibt nach dem krieg indes aus, da die libanesische armee das camp abriegelt und harte zugangsrestriktionen anwendet.

die fünfte sendung widmet sich schliesslich ansätzen einer politischen analyse des krieges in nahr al-bared und der zerstörung des flüchtlingslagers. die geschehnisse in nahr al-bared werden im politischen und historischen kontext libanons und im lichte der lage der palästinensischen flüchtlinge im land im allgemeinen betrachtet.

die sendungen können einzeln angehört werden. es empfiehlt sich allerdings, sämtliche sendungen anzuhören, da sie verschiedene aspekte des themenkomplexes "nahr al-bared" abdecken und dadurch dessen verständnis vereinfacht wird.

wir danken zwei radiomacherInnen von radio RaBe für ihre unterstützung.

die sendereihe kann hier heruntergeladen und angehört werden:

teil 1 (10:56): mp3 / ogg wav
teil 2 (15:32): mp3 / ogg wav
teil 3 (15:23): mp3 / ogg wav
teil 4 (12:43): mp3 / ogg wav
teil 5 (12:45): mp3 / ogg wav

Jun 24, 1999

video: "zwei jahre belagerung"

2009-06-24
[en] [عر] [it] [fr]
zwei jahre nach ausbruch des krieges in nahr al-bared bleibt die zukunft des camps ungewiss. der wiederaufbau des offiziellen teils des flüchtlingslagers wird wohl bald beginnen, aber nach wie vor ist er unter kontrolle der libanesischen armee. mehrere checkpoints, stacheldraht und militärposten schneiden nahr al-bared von seiner umgebung ab.

nahr al-bared camp war einst ein lebendiger marktplatz in der nordlibanesischen akkar-region. rund die hälfte seiner kunden waren libanesInnen. während dem krieg vernichtete die libanesische armee nicht nur die militante gruppe fatah al-islam, sondern zerstörte das palästinensische flüchtlingslager auch komplett. seine geschäfte wurden geplündert, zertrümmert und abgebrannt, teilweise als der krieg bereits beendet war. die einst blühende wirtschaft des camps wurde komplett zerstört.

zwei jahre später ist etwa die hälfte der bevölkerung des flüchtlingslagers zurückgekehrt. hunderte geschäfte haben wiedereröffnet, aber die wirtschaftliche erholung wird durch die belagerung des camps seitens der libanesischen armee ernsthaft behindert. der verdacht liegt nahe, dass das eigentliche kriegsziel nicht fatah al-islam, sondern nahr al-bareds wirtschaft war.

in diesem 10-minütigen film diskutieren ein mitbesitzer einer eisfabrik, der präsident des lokalen händlerkomitees und der imam der al-quds-moschee die belagerung und ihre ökonomischen konsequenzen.

der film kann hier (.mpeg/316mb) und hier (.mov/124mb) in guter qualität heruntergeladen werden. er kann hier auf youtube oder unten angeschaut werden.