Oct 14, 1998

bericht: "Jeden Morgen Orangen pflücken"

2008-10-14
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Es ist noch vor Sonnenaufgang in einer Orangenplantage im Hinterland der südlibanesischen Stadt Sour. Mohammad, der eben zehn mit Orangen gefüllte Kübel am Rande des Hains umgefüllt und die leeren Eimer seinen Mitarbeitern zurückgebracht hat, meint: „Nach dieser Arbeit erhole mich zu Hause eine Stunde lang und gehe dann zu meinem zweiten Job als Innendekorateur. Bloss Orangen zu ernten reicht nicht aus.“

An diesem Morgen ist der Wakil [Vorarbeiter] Abu George wie immer mit rund einem Dutzend Arbeitern um halb sechs in der Frühe im blauen Minibus auf die Plantage gefahren. Mittlerweile verrichten alle fleissig ihre jeweilige Aufgabe. Während zwei auf den Leitern balancierend sich die Orangen in den Baumkronen schnappen, pflücken Mohammad und einige weitere bei den untersten Ästen. Jeweils zwischen sechs und zehn der vollen Kübel werden auf's Mal weggetragen. Nachdem die Orangen aussortiert sind, werden sie kistenweise auf einen Lieferwagen geladen, der sie in den Norden Libanons transportiert, von wo sie an verschiedene Destinationen in der Region exportiert werden. Der Wakil hat sich inzwischen auf einem Karton fernab der schwitzenden Arbeiter hingelegt. Trotzdem ist allen Beteiligten etwas gemeinsam: sie sind palästinensische Flüchtlinge aus Bourj ash-Shamali Camp.

Das Flüchtlingslager am Rande von Sour entstand anfangs der 1950er-Jahre im Anschluss an die Vertreibung Hunderttausender EinwohnerInnen Palästinas. Viele Camps wurden damals auf Begehren libanesischer Kapitalisten in der Nähe von Zitrusplantagen entlang der Küstenebene und in Beiruts Industriegebieten errichtet. Mittlerweile bevölkern 20.000 Menschen das ruhige, von der libanesischen Armee eingezäunte Bourj ash-Shamali Camp. Mehr als zwei Drittel der Arbeitenden sind mindestens teilzeitig in der Landwirtschaft beschäftigt.

Frühmorgens zwischen fünf und sechs Uhr herrscht reger Betrieb in den engen Gassen und Strassen Bourj ash-Shamalis, bevor wieder Ruhe einkehrt und die Strassen auf Hunderte von Schülern warten, welche eineinhalb Stunden später zu den Schulen laufen. In der Dunkelheit der Frühe nämlich verlassen Hunderte TagelöhnerInnen, meist schweigend und bloss selten leise murmelnd, das Camp, um auf den Feldern und in den Plantagen der Region ihr tägliches Brot zu verdienen. Unter ihnen sind Jugendliche, erwachsene Universitätsabgänger und auch Grossmütter und -väter. Ein Teil verrichtet Feldarbeit, doch die meisten ernten Orangen, Zitronen oder Bananen. Gegen Mittag kehren die Arbeitsgruppen zurück ins Flüchtlingslager. Nicht der Feierabend ruft sie, sondern meist ein Zweitjob.

Nach libanesischem Recht werden die mehr als 400.000 palästinensischen Flüchtlinge, von welchen rund 200.000 in den verschiedenen Camps leben, als AusländerInnen behandelt. Sie dürfen demnach kein Land besitzen, für Dutzende Jobs herrscht Berufsverbot, für sie gelten keine Mindestlöhne und sie sind auch nicht ins hiesige Sozial-, Kranken- und Unfallversicherungssystem integriert. Dies macht sie im Alltagsleben in vielerlei Hinsicht äusserst verwundbar. Viele Flüchtlinge sind auf Leistungen des UNO-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) und auf Überweisungen durch Angehörige im Ausland angewiesen. Hochqualifizierte PalästinenserInnen, die in Libanon ihren Beruf nicht oder bloss sehr beschränkt ausüben dürfen, finden sich am Steuer eines Taxis, in einem der unzähligen kleinen Lebensmittelläden oder eben als TagelöhnerInnen auf dem Bau oder in der Landwirtschaft wieder.

Die 65-jährige Hajje Amne, die gegenwärtig aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten kann, klagt, dass sie ihr ganzes Leben in der Landwirtschaft geschuftet habe, jedoch nie eine Rente erhalten werde. Zwar ist sie zufrieden mit der neulichen, durch einen Streik der palästinensischen ErntearbeiterInnen erzwungenen Lohnerhöhung, allerdings stört sie, dass Männer noch immer besser entlöhnt werden als Frauen, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichten und täglich dieselben Quantitäten ernten müssen. Zudem schimpft sie: „Wenn jemand krank ist und nicht arbeiten kann, erhält er keine Entschädigung.“ Die ArbeiterInnen werden aber nicht bloss durch die libanesischen Landbesitzer und Auftraggeber ausgebeutet, sondern manchmal auch durch ihren eigenen Wakil. Einen ungerechtfertigt hohen Anteil des Betrags, welche die Chefs der Arbeitsgruppen von den Auftraggebern erhalten, streichen sie oft selbst ein. Während sich manche VorarbeiterInnen selbst an der Arbeit beteiligen, beschränken sich andere auf's Rumkommandieren oder – wie Abu George – auf's Faulenzen.

Ansätze zur kollektiven Organisation der palästinensischen TagelöhnerInnen in der Landwirtschaft sind vorhanden. Die erkämpfte Lohnerhöhung zu Beginn dieses Jahres ist ein Ausdruck davon. Laut Hosni, Kommunist und selbst Wakil, kursieren auch Ideen zur Verwirklichung einer autonomen Arbeiterversicherung. Allerdings, so Hosni, wurden solche Ansätze zur Selbstorganisation bislang nicht umgesetzt. Gründe dafür sind wohl in der zersplitterten Politlandschaft in den Camps zu finden. Selbst in Extremlagen wie gegenwärtig im zerstörten Flüchtlingslager Nahr al-Bared in Nordlibanon gelingt es den verschiedenen Gruppierungen nicht, ihre Gräben zwecks Verfolgung kollektiver Interessen der Flüchtlinge zu überwinden oder sich der notorischen Selbstbereicherung zu verweigern.

Indessen geht Mohammad weiterhin an sieben Tagen pro Woche frühmorgens in die Orangenplantage. Vor einigen Jahren hat er sein Elternhaus um ein Stockwerk erhöht und sich seine eigene Wohnung gebaut, um heiraten zu können. Mittlerweile ist er Vater einer Tochter. Er habe keine Wahl, sagt er. Und ergänzt: „Als Palästinenser erlernst du nicht einen Beruf und bleibst dein Leben lang dabei. Wir haben Arbeitserfahrung in mehreren Berufen und meist arbeitest du ohnehin gleichzeitig an verschiedenen Orten, um über die Runden zu kommen.“

a-films produzierte einen 17-minütigen Film zum selben Thema.

Dieser Bericht wurde von einem unserer AktivistInnen verfasst. Die englische Original-Version wurde hier auf Electronic Intifada veröffentlicht.